Herr W.

Die Männer, die ich niemals kannte.

Dann sammle ich Steine – Von Brücken

Als Herr W. das erste Mal starb, war alles still. Alles und alle waren still, viel stiller als sie es jemals gewesen waren. Vor allem ihre Mutter gab sich größte Mühe im Schweigen zu verharren und jegliche Emotion hinter der gewohnt kühlen Fassade zu verbergen. Herr W. starb einen sanften Tod an einem gewöhnlichen Mittwochnachmittag. Die Sonne hatte ihren Höhepunkt gerade erreicht, als er seine Hände ein letztes Mal auf seiner Brust faltete. So oder so ähnlich muss es gewesen sein. Zumindest wünsche ich ihm, dass es so war.

Während alles um sie herum immer stiller wurde, spürte sie, dass man ihr etwas Großes verheimlichte. Kalte Luft kroch durch den Türspalt hinein, die Nachbarshunde verstummten. Als die Sonne fast verschwunden war, traf sie die Frau vom anderen Ende des Dorfes. Wie gewohnt griff sie nach der Zeitung, legte das Geld auf den Tisch und wollte gerade wieder gehen, als die Frau vom anderen Ende des Dorfes ihren Arm festhielt. Erschrocken drehte sie sich um und runzelte die Stirn. Ob sie wisse, dass ihr Vater gestorben sei? Ob sie wisse, wann die Beerdigung stattfinde und, dass sie als gute Tochter ja wohl hingehen werde. Panisch riss sie sich los, die Zeitung fest umklammert. Mit strömenden Tränen und Schmerz im Gesicht rannte sie vorbei an der alten Wirtschaft und über die steinerne Treppe den Hügel hinauf. So schnell war sie noch niemals gelaufen. Ihr Herz pochte laut, während die Kirchglocken zu läuten begannen. Wären sie nicht gewesen, das ganze Dorf hätte es hören können. Aber sie waren da und übertönten alles und jeden. Sie brachen das Schweigen und stellten sich gegen die Stille. So stellte auch sie sich dagegen und flehte die Mutter an. Sie bettelte um Worte und einen Hauch Empathie. Wo blieben die Gefühle für den Mann, den sie einst geliebt hatte. Geliebt hatte, antwortete der starre Blick der Mutter und sparte sich gnädiger Weise die üblichen Anklagen und Vorwürfe. Dass sie es nun wisse und es nichts mehr hinzuzufügen gäbe. Dass sie selbst sehen müsse, wie sie zur Beerdigung komme. Dass das Thema nun für sie beendet sei. Der Tag an dem Herr W. beerdigt wurde, war ein stürmischer Tag. Sie setzte sich auf ihr altes Mofa und fuhr los. Bis sie die erreichte, die sie kaum kannten und die sie genauso wenig kannte. Sie reihte sich ein, neben denen, die Herrn W. viel besser gekannt hatten. Die, die die Zeit mit ihm verbracht hatten, die ihr untersagt worden war. Als Herr W. das erste Mal starb, starb auch ein kleiner Teil von ihr.  

So oder so ähnlich muss es gewesen sein. Zumindest denke ich mir, dass es so war. Während das Feuer im Ofen lodert, flammen alte Geschichten auf. Wärme erfüllt den ganzen Raum, und doch bleiben es eisige Finger die Gedachtes konservieren. Hirngespinste und Erinnerungsfetzen tanzen wie Teufel auf dem Papier, und während Raum und Zeit verschmelzen, stehe ich kurz mit am Grab, ganz dicht neben dir.  

Als Herr W. das zweite Mal starb, starb er in einem anderen Jahrhundert. Herr W. musste sterben, damit sie leben konnte und doch starb wieder auch ein kleiner Teil von ihr. Die Zeiten, die die Menschen aneinander haben, waren immer schon begrenzt. Manche sind begrenzter als andere und so soll es wohl sein. Als Herr W. das zweite Mal starb, hatte er seinen Tod selbst gewählt. Manche sagten, er ging viel zu früh. Doch die meisten sagten, früh war bei weitem nicht früh genug. Als Herr W. das zweite Mal starb, lief sie alleine durch den Wald. Die Sonne schien warm, doch ihre eisigen Finger blieben kühl. Die Stille um sie wurde laut, viel lauter als zuvor, bis ein Schrei alles durchbrach. Kraftvoll wie der Schrei stellte auch sie sich dagegen. Nicht leise, sondern laut, viel lauter als zuvor. In der Stille gab Herr W. weit mehr preis, als er preisgeben wollte. Bis heute wird er nicht wissen, wie redselig er war, während er sich in Schweigen hüllte. Wie er sich offenbarte, während er sich nicht angreifbar machen wollte. Als Herr W. das zweite Mal starb gab es keine Beerdigung, bloß einen Abspann im leeren Saal.

Die Zeiten, die die Menschen aneinander haben waren immer schon begrenzt. So kreuzen sich die Wege und so trennen sie sich wieder. So war es immer, so wird es immer sein. Und manchmal, wenn Hirngespinste und Erinnerungsfetzen wie Teufel tanzen, denkt sie an die Männer, die sie niemals kannte, und auch an den einen, mit der Gitarre und dem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Der eine, der vor sie trat und versuchte das Geheimnis zu lüften. Dem sie von Herrn W. erzählte und den Toden, die er starb.  Dem sie verriet, dass das W für sie steht.

Für all die Männer, die sie niemals kannte.

3 Kommentare zu „Herr W.

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